Geschichte des Silberstein (Sage und Historie)
Niedergeschrieben von Maria Grysczyk zur Erhaltung
eines Dokumentes aus der bayrischen Staatsbibliothek im Jahr 2002
Es kann ja nicht alles so bleiben,
Hier unter dem wechselnden Mond,
Es blüht, vergeht und verwelke
was mit uns die Erde bewohnt. |
Eine Meile westlich von
Trautenau, und eine halbe Stunde vom Amtsort Wildschütz gegen
Norden, Lagert im Bischower Kreise zwischen den rauhen Abhängen
des gigantisch-geformten Riesengebirgs, am Gipfel eines mäßig
hohen Berges, die Ruine der alten Burg Silberstein, ehemals auch
Berkstein oder Breckstein genannt.
Ein angenehmer Laubwald beschattet malerisch diese, von der alles
zerstörenden Zeit schon stark verheerten Trümmer, und
verbreitet ein magisches, aber auf Wanderer wohlthätig wirkendes
Halbdunkel über die düstere Umgebung dieses bemoosten
Burgüberbleibsel. Eine längst im Zeitstrudel versunkene
Vorwelt tritt klagend und zürnend vor die Seele des Schauenden
und die heitere Gegenwart mit ihren wechselnden Bildern weicht eine
Zeitlang zurück vor dem schwermütigen Zauber, womit der
Anblick dieser, auch in ihrem Untergange noch Ehrfurcht gebietenden
Trümmer ehemaliger Größe, das Gemüt ergreift.
Als ich im Sommer des Jahres 1842 diese Ruine in Gesellschaft eines
Freundes besuchte, führte mich von dem, mit einem hübschen
Schlosse gezierten Pfarrdorf Wildschütz, ein, zwischen fruchtreichen
Äckern sich hinschlängelnder Pfad nordwärts zu einer
Ziegelhütte, bei welcher mir, über die Baumwipfel des
gegenüber stehenden Berges ein zierliches Lufthäuschen
freundlich entgegenschimmerte, und auf meine, an unseren Führer
gerichtete Frage, was dies für ein Belvedere sei, bekam ich
die Antwort: dies wäre die neue Burgwarte Silbersteins.- Ein
enges, von einem klaren Bächlein durchflossenes Wiesental,
welches uns noch von dem Schlossberge trennte, ward nun schnell
zurückgelegt und der steile, jenseits des Bächleins links
hinangehende Weg rasch verfolgt. Meine Gedanken beschäftigten
sich schon im Voraus mit dem mir bevorstehenden Anblick der Burgtrümmer,
von denen sich meine Phantasie eigene Bilder entwarf, und unwillkürlich
ging mein Geist in die Vergangenheit zurück, wo diese Feste
noch in ihrer vollen Schönheit prangte und ihre alte Warte
über den Buchenhain kühn empor hob.- Da schallte uns gellendes
Hundegebell entgegen, das mich höchst unangenehm aus meinen
Betrachtungen riß, denn wir befanden uns in dem kleinen, aus
elf Hütten bestehenden Dörfchen Silberstein, welches am
westlichen Abhänge des Berges lagert und seinen Namen von der
verfallenen Feste ererbte, Sonst verkündete hier des
Wächters schmetterndes Hörn vom hohen Wartturme herab
dem Burgherrn die Ankunft des fremden Gastes, jetzt verkündeten
es die Rüden des da wohnenden Walhegers den harmlosen Burggebietsbewohnern,
die allerdings fremder Gäste ungewohnt aus den
kleinen Stubenfenstern neugierig herausguckten, gleich dem spähenden
Torwärter vor Herablassung der Zugbrücke zur Zeit des
fehdelustigen Faustrechts.
Ohne auf diesen lärmenden Empfang zu achten, setzten wir unsere
Wanderung auf einem alten begrasten, aber durchaus fahrbaren Wege
der uns bergan zum Gipfel führte fort, wo riesige
Steinblöcke zu beiden Seiten hervorragten und einen natürlichen
Pass bildeten, durch welchen angelangt, sich vor unseren Blicken
ein freundlicher, von lispelndem Laubwalde eingehegter Rasenplatz
öffnete und uns links an einem schroffen Sandsteinfelsen die
wenigen Mauertrümmer sehen ließ, die sonst einen Teil
der Burg Silberstein bildeten, und nun als die letzten Zeugen
der hier einst waltenden Macht mit der Zeit kämpfend
dem gänzlichen Verfall entgegenschreiten.
Der ganze Schlossberg steht zwischen ändern, teilweise noch
höheren Bergen beinahe isoliert da, und hängt nur nördlich
durch eine tiefere Einsattelung mit den benachbarten Höhen
zusammen. Seinem Gipfel entsteigen mächtige Felsriffe, deren
mittelster, beinahe fünf Klafter hoch, senkrecht emporragt
und auf seiner Stirne die Ruine eines viereckigen ja beinahe
eines ovalgeformten Gebäudes trägt, welches in früherer
Zeit wahrscheinlich zur Wohnung des Burgherrn oder gar zum Wartturme
diente. Für einen Turm scheint dies fast zu groß, mochte
es aber doch gewesen sein, da man an seinen ziemlich hohen Wänden
kein Fensteröffnungen sieht und jede Burg doch eine Warte hatte.
Die sonstige Bestimmung dieses Gebäudes aber genau anzugeben,
dürfte heute jedem Altertumsforscher schwer sein und trägt
übrigens zum Ganzen auch nicht viel bei, außer
dass es die einzige Mauermasse ist, die man hier wahrnimmt.
Der rings um diese Sandsteinblöcke sich hinziehende leere Raum,
und die hier und da bemerkbaren Reste von Grundmauern, deuten auf
beträchtliche Bestandteile der ehemaligen Burg hin, von welcher
aber leider, außer der benannten Gebäude Rudera, nur
noch gegen Norden, wo der Schlossberg nicht so steil als
den übrigen, schwer zu ersteigenden Seiten abfällt,
zwei tiefe und breite Wallgräben, zwischen welchen sich ein
hoher Erdwall hinzieht, bemerkbar sind. Diese wenigen übrigen
Merkmale beschattet ein alter Laub und Nadelwald, der rund um die
Burg, zwischen dem Gestein und den Trümmern des Schlosses wurzelt.
Gebüsch und Bäume decken die Stätte der ehemaligen
Burgfriede und Farnkräuter umgrünen die Schutthügel
des längst eingestürzten Ringgemäuers. Um in das
Innere des besprochenen Gebäudes zu gelangen, mussten wir uns
wieder in die Hütte des im Dörfchen wohnenden Waldhegers
zurückbemühen, der hier zugleich die Stelle eines Kastelans
bekleidet und bei dem die Schlüssel zu der Burgwarte abgeholt
werden müssen.
Sechzehn steinerne, aus neuerer Zeit herstammende Stufen führten
uns zu einer viereckigen Pforte, deren hölzerne Tür knarrend
vom Schloss und Riegel wich, und uns einzutreten erlaubte. Uns entgegen,
nämlich an der Morgenseite des sechs Klafter hohen Gemäuers,
ragte ein großes, geschmackvoll errichtetes achteckiges Gloriett
über die graue Umgebung empor, welches vor ungefähr fünfzig
Jahren der damalige nachher dem Prädikate "von
Silberstein" in den Freiherrenstand erhobene Herrschaftsbesitzer,
Johann Franz Theer herstellen und mit einem möblierten Gemache
verzieren ließ, welches auch als ein Wartturm des neuesten
Geschmacks, mit einem geräumigen Geländergange versehen,
eine köstliche Galerie bildet, von der man die ganze Umgebung
sehr bequem übersehen kann.
Da uns das Innere der Trümmer eben auch nicht viel Bemerkenswertes
vorzuweisen hatte, so bestiegen wir das Belwedere, um uns wenigstens
mit einer hübschen Aussicht zu entschädigen. Wir
betrogen uns nicht, denn sie bot uns in der Tat alles dar, was wir
in diesem bergumgrenzten Talkessel immer nur erwarten konnten.
Südlich lag Wildschütz mit seinem hübschen, erst
im Jahre 1797 ganz neu erbauten Schlosse und der alten,am nordwestlichen
Dorfende sich niedlich erhebenden St. Adalbertkirche, deren
Kirchhofmauer mehrere weiß marmorne Grabmäler des erloschenen
Dynastie Geschlechts der Silberstein zur Schau trägt
und welche eigene Gefühle in unserer Brust erweckte, da ihre
Mittagsglocke soeben mit gar feierlichen Tönen an unser Ohr
drang. Weit im Süden über, über andere Höhen
hervorragend, sahen wir den, mit einer Kapelle geschmückten
Switschinberg bei Königinhof zu uns herüberschimmern,
der auch das Fernbild dieserseits beschloß und unsere Blicke
links führte, wo uns sowohl gegen Morgen, als Mitternacht und
Abend, hohe, meist bewaldete Bergkuppen umgaben und uns als mächtige
Zweige und Trabanten des nahen Riesengebirges alle Fernsicht
raubten, doch aber, trotz dieser Beschränktheit, ein wildromantisches
Bild darstellten, welches würdig war, von eines Künstlers
Hand aufgefasst zu werden. Ziemlich befriedigt stiegen wir herab,
betrachteten noch einmal das alternde Gemäuer, und forschten
bei unserem Cicerone nach, ob ihm nicht eine Sage oder eine Geschichte
über diese Burgruine bekannt wäre. Und gesprächig,
ja mit sichtliche Vergnügen teilte er uns eine Sage mit, die
ich zwar schon lange vorher einmal gedruckt gelesen, doch aber würdig
fand, sie hier da die geschichtlichen Nachrichten über
Silberstein so unvollständig sind nochmals anzuführen,
und dadurch in die trockene Historie wieder einmal eine nicht unangenehme
Abwechslung zu bringen.
Etwa zwanzig Jahre, nachdem Pfalzgraf Ehrenfried (1024) die Benediktinerabtei
Branweiler im ehemaligen unteren Erzstifte Köln gestiftet hatte,
lebte in diesem Kloster der Ordensbruder Benno, welcher in der ganzen
Umgebung im Rufe der Heiligkeit stand, besonders aber seiner Weisheit
wegen in zweifelhaften Fällen um Rat gefragt wurde. Benno verdiente
diesen Ruf und dies Vertrauen. Die Worte des heiligen Augustin:
In dubiie libertas, in necennsitatibus unitas, in omnibus Charitas!
waren sein Grundsatz geworden und befestigten in ihm die Neigung
zu den Wissenschaften, der Verträglichkeit und der Nächstenliebe.
Um diese Zeit lebte Gunderich von Ulstät (nach ändern
von Ulrad) in der Nachbarschaft. Gunderich war einer der Ärmsten
Ritter am Rheine und besaß, außer einer kleinen Meierei,
nichts als ein gutes Schwert, ein wackeres Roß und einen treuen
Knecht, der geduldig die Armut seines Herrn teilte, und die beiden
Söhne seines Herrn, Guntram und Wölfin dem Gebrauch der
Waffen unterrichtete. Keck und rauh war der erstere, der letztere
sanft und still, obgleich nicht minder mutvoll. Diesen bestimmte
der Vater, nachdem er lange über seine Versorgung gedacht hatte,
zum Klosterleben, jenem dem einstigen Besitz der Meierei. Wolf war
bereits zwölf Jahre alt, als ihm der Vater seine Bestimmung
andeutete, den Gehorsamen der Branweiler zu dem Bruno Benno führte
und letzteren um seinen Rat befragte. Dieser gewann den angehenden
Jüngling lieb und schlug dem Vater vor, ihn im Kloster zu lassen,
um seine Neigungen zu prüfen, zugleich aber ihn für seine
Bestimmung auszubilden. Gern schlug der Vater ein, Wolf blieb im
Stifte und Benno lehrte den Aufmerksamen die Kunst die Kunst zu
schreiben und das Geschriebene zu lesen. So vergingen einige Jahre,
Wolf hatte es schon soweit gebracht, dass er für das Stift
köstliche Werke zierlich abschreiben und die Initialen mit
schönen Bildnissen ausschmücken konnte. Der Abt und die
gesamten Brüder freuten sich, einen so talentvollen Jüngling
bald als Bruder begrüßen zu können, und Wolf seinerseits
hätte schon längst das Ordensgewand angelegt, wenn es
nicht Benno, der dem Jüngling Vaterliebe geschenkt hatte und
die klösterlichen Verhältnisse genauer kannte, immer noch
zu verzögern gewusst hätte. Gleichwohl wurde endlich der
Tag festgesetzt, wann Wolf in den Orden aufgenommen werden sollte.
Einige Wochen vor dem bestimmten Tage wurde in der Klosterkirche
das Fest des heiligen Nikolaus (denn diesem und dem heiligen Medardus
war sie gewidmet) mit großer Pracht begangen. Aus der ganzen
Gegend, von beiden Ufern des Rheins, hatten sich Edle und Unedle,
Freie und Knechte, Frauen und Dirnen dabei eingefunden. Das Kloster
erhielt reiche Spenden, und entledigt von seiner Sündenlast
ging so mancher Gläubige erleichtert in seine Heimat zurück,
nur Wolf allein begann von diesem Tage an sichtbar hinzuschwinden
und mit Entsetzen sah Benno den sonst so gesunden Jüngling
dem Grabe entgegen wanken. Lange forschte Benno vergebens nach der
Ursache seines Grames, denn dass Wolf an einer Gemütskrankheit
leide, sah er sehr bald ein. Endlich es waren nur wenige
Tage bis zu der Zeit, wo er in den Orden aufgenommen werden sollte
gestand er seinem väterlichen Freunde die Quelle seines
Leidens. Er hatte am St. Niklasfeste das Burgfräulein von Friedstrom
(jetzt Zons am Rhein) gesehen und verzehrende Liebe hatte sich durch
die Augen in sein Herz geschlichen; des Tages dachte und des Nachts
träumte er nur von ihr. Was er sonst so gern getan, das Schreiben
ekelte ihn nun an, nur wenn er ein Engelsköpfchen in die Initialen
eines Anthiphonariums malte, blickte sein Auge heiterer, aber jedes
Engelsköpfchen gewann auch unter seiner Hand genaue Ähnlichkeit
mit Edeltruden, der Tochter des reichen Burgherrn von Friedstrom.
Die Ruhe des Klosterlebens ward ihm zur Qual, er sehnte sich nach
Waffengetümmel und Kampfgewühl, um für Edeltruden
zu sterben. Benno hatte auch geliebt, er war daher weit entfernt,
den leidenden Jüngling zu tadeln, sondern gab ihm vielmehr
den Rat, das Kloster zu verlassen als Edelknecht in die Dienste
eines Burgherren zu treten. Dem alten Gunderich war die plötzliche
Sinnesänderung eben so unangenehm. Als dem Kloster, zumal da
weder dieses noch jener die wahre Quelle erfuhr. Der Vater wurde
indes durch Bruder Benno bald wieder besänftigt, und Hermann
der Edle, Erzbischof zu Köln, nahm Wolf als Edelknappen an
seinen Hof. Noch war Wolf nicht lange daselbst, als er seinen Herrn
zu einer Reigerbeitze nach Friedstrom begleiten musste. Der Burgherr
von Friedstrom, sein Sohn und seine Tochter nahmen an der Lustbarkeit
Antheil. Alle waren damit zu sehr beschäftigt, als dass sie
bemerkt hätten, dass Wolf fast gar keine Augen für seinen
Herrn hatte, und seine glühenden Blicke stets nur auf Edeltruden
heftete, die, den verkappten Falken auf der Hand, frei und stolz
auf dem hohen Schimmel sitzend, den allgemeinen Frohsinn teilte.
Noch nie war sie ihm so reizend vorgekommen.
Ihre Augen achteten auf den armen Wolf nicht, sie waren auf den
Falken gerichtet. Ein Reiger ward aufgetrieben. Sofort machte Edeltrude
ihrem Vogel das Gesicht frei. Hoch in die Lüfte empor erhob
sich der Reiger. Ihm stieß blitzschnell der Falke nach. Jener
senkt sich, dieser auch, beide steigen wieder empor. Endlich überhöht
jenen der Falk, der nun dem halb Gefangenen mit seinen Waffen einen
Griff gibt, sich etliche male schwingend um ihn kreist und diesen
endlich niederkämpft. Schon will Edeltrude dem langen Gefäß,
(Riemen) in der Hand, den Vogel rufen, als ein Wespenschwarm die
Nüstern ihres Rosses verwundete, welches plötzlich scheu
mit dem um Hilfe schreienden Fräulein gegen das Rheinufer fortrannte.
Mit der Schnelligkeit eines Adlers flog Wolf hinter ihr drein, ergriff
das scheue Roß, achtete Hufschläge und Bisse nicht, und
zwang es endlich, nachdem er schon nahe ans Ufer geschleift worden
war, zum stillstehen. Herzlich dankte ihm das gerettete Fräulein,
die aber in demselben Augenblicke auch die Wunden des Edelknappen
gewahrte, und nun für ihn um Hilfe rief. Einige Beitzgenossen
kamen endlich herangesprengt. Man sah das Fräulein mit dem
ohnmächtig gewordenen Knappen beschäftigt, und brachte
diesen, nachdem sie den Vorgang erzählt hatte, in die Burg,
wo sich Wolf nach wenigen Tagen wieder erholte. Während dieser
Zeit pflegte Edeltrude, ohne auf das Gespötte ihres Bruders
zu achten, den kranken Edelknappen und vergaß über ihn
selbst ihres Lieblings, des Falkens, den sie bei jenem unglücklichen
Ritte losgelassen hatte. Die Dankbarkeit bahnte in ihrem Herzen
zur Liebe den Weg, und bald sah Wolf mit Entzücken, dass er
auch ihr nicht mehr gleichgültig sei. Als er genesen,
zog er fleißig bei Weidemännern Erkundigungen ein, ob
und wo man einen berichteten Falken aufgefangen. Er selbst spürte
ihm emsig in den Forsten nach und fand ihn auch wirklich selbst,
weil sich der Falke durch den Wurfriem und die langen Gefäße
in die Zweige einer Fichte verwickelt hatte. Freudig brachte er
ihn dem Fräulein, das indeß mehr über diesen neuen
Beweis der Liebe Wolfs, als über den Falken erfreut war. Oft
fand sich für Wolf die Gelegenheit, das Fräulein zu sehen
und zu sprechen, und er genoß das selige Bewusst sein, geliebt
zu werden.
Auf einmal verschwand das Fräulein. Vergebens forschte Wolf
nach ihr. Bloß so viel gewahrte er, dass sie von ihrem stolzen
Vater, der, wie er wusste, höhere Absichten mit seiner Tochter
hatte, entfernt worden sein müsse. Neuer Gram zehrte an seinem
Herzen, und gleichzeitig nahm er es auf, als der Erzbischof, den
verläumderischen Einflüsterungen Peters so hieß
Edeltrudens Bruder glaubend, ihn seiner Dienste entließ.
Dir väterliche Gegend hatte keinen Reiz mehr für ihn,
umso mehr, da er bald darauf die Kunde erhielt, Edeltrude sei längst
glücklich verehelicht, und Benno wandle nicht mehr unter den
Lebendigen. In drückender Armut, mit seiner Familie entzweit
und von Edeltrudens Verwandtschaft verfolgt, wurde es ihm im Vaterlande
zu enge. Er reiste auf gut Glück in die Welt hinein, und wandte
sich vorerst nach Polen, das damals der König Kasimir beherrschte.
Schlesien zählte man dazumal zu Polen. Der Weg dahin führte
ihn durch das Riesengebirge. Gedankenvoll saß er eines Abends
vor der Herberge zu Trautenau (in Böhmen) und sah mit trüben
Augen den Schwarzenberg, die schwarze Brunnbergkoppe, die Riesenkoppe
und den Marschendorfer Gebirgszug hin, die hoch über das kleine
Städtlein in die blauen Lüfte emporragten. Da stand
plötzlich ein schwarzer Ritter mit geschlossenen Visiere vor
ihm. Dieser ließ sich mit dem fahrenden Knappen in ein Zweigespräch
ein, und trug ihm zuletzt an, bei ihm auf drei Monde in Herrendienst
zu treten. Der Ritter versprach ihm dafür einen Lohn zu gewährender
sein kühnsten Wünsche übertreffen werde. Dafür
aber sollte ihm Wolf unbedingte Treue für die betreffende Zeit
angeloben. Wolf nahm den Antrag mit Freuden an, gelobte seinem Herren
unwandelbare Treue und begann seinen Dienst damit, dass er mit dem
Ritter nach dessen Aufenthaltsorte ritt, der tief im Riesengebirge
lag.
Immer wilder und rauher ward das Gebirg, immer beschwerlicher und
mühsamer die Reise. Es ging stark aufwärts, bald zu Fuß,
bald zu Roß, bald auf gebahntem, bald auf ungebahnten Wege.
Hier so schreibt ein schlesischer Dichte raus der ersten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts obwohl im alten Geschmack,
aber gewiß treu, naiv und malerisch: Hier durchnässt
ein Sumpf, und dort quetschen ihn die Steine, Hier verspringt man
sich auf Wurzeln, die das Wasser ausgeschweift. Und dort zuckt der
Fuß voll Schmerzen, wenn er an das Knieholz streift. Jetzo
wird der Atem kurz, jetzo keucht die Brust im Drange; In der Tiefe
drückt die Sonne, in der Mitte reißt die Luft, In der
Höhe schmerzt die Kälte, er ermattet in der Kluft. Und
mit Schrecken sieht er auf, wenn die Wolken prasselnd krachen, Wenn
es blitzet, donnert hagelt, wenn es Feld und Wald verheert, Wenn
es brauset, rauscht und rasselt, wenn es wirbelnd stürmt und
gährt, Doch zur Luft wird ihm die Mühe, und zur Wollust
wird der Schmerz, Denn er blickt von Riesenhöhen, in ein Paradies
hinein!
Auf dem höchsten Punkte des Gebirgs, auf der Schneekoppe, machten
die beiden Wanderer Halt. Ein prachtvolles Schloß erhob sich
aus den Wolken, die den Scheitel des Berges umkränzen. Still
folgte Wolf seinem Ritter nach, der durch die offenen Pforten in
die inneren Gemächer wandelte, nachdem er ihm den Stall gezeigt
und die Pferde abzusatteln befohlen hatte. Wolf, der dies befolgte,
sich aber mächtig wunderte, nirgends Burgknechte zu erblicken,
erhielt von dem noch immer gerüsteten Ritter den Befehl, ihn
zu entwappnen. Wolf tat es, und hüllte zu seiner Verwunderung
aus der schwarzen Stahlrüstung einen wunderschönen, blonden
Jüngling heraus, unter dessen Haaren eine goldene Feder hervorglänzte.
Nun erklärte dieser seinem Edelknecht: "Du hast mir drei
Monde lang unbedingte Treue zugesagt, ich will dir vertrauen. Wisse,
dass ich der Beherrscher aller Erdengeister dieser Berge bin. Ungeachtet
dieser Macht kann ich diese nur einen Tag in der Woche, an welchem
ich wie in menschlicher Gestalt einhergehe, nämlich jeden Samstag
üben. Jeden anderen Tag hingegen muß ich schwach und
machtlos in der Gestalt eines Papageis zubringen. Dazu kommt, dass
mich meine Gemahlin haßt und ich als Papagei von Ihr verfolgt
werde. Schütze du mich daher in jenen Tagen und du wirst von
mir über Verhoffen reichlich belohnt werden."
Kaum hatte Rübezahl ausgeredet, als die Türe sich öffnete,
eine verschleierte Dame hereintrat und sich zu Tische setzte, den
ein geschäftiger Zwerg mit den wohlschmeckendsten Speisen besetzte
hatte. Rübezahl und Wolf setzten sich gleichfalls zum Imbiß
hin. Aber verwundernd bemerkte Wolf, dass die Dame, welche, soviel
die Umrisse verrieten, von hoher Schönheit sein musste, erschrocken
zurückfuhr, als sie ihn anblickte, dann fortwährend seufzte
und fast gar nichts genoß, dagegen Rübezahl gar nichts
zu bemerken schien und vielen Appetit verriet. Als die Dame sich
wieder in ihr Kämmerlein begeben hatte, gebot ihm sein Herr,
von nun an stets mit ihm in diesem Zimmer zu schlafen, es nie ohne
Not zu verlassen und ermahnte ihn nochmals zur Treue. Noch einmal
gelobte Wolf ihm diese, und dem Beispiel seines Herrn nachfolgend
begab auch er sich zur Ruhe und schlief voll von Gedanken über
die Begebenheiten des Tages ein.
Als er am Morgen erwachte, sah er sich vergebens nach seinem Herrn
um; dagegen erblickte er einen Sittich, der sich in dem goldenen,
von der Decke herabhängenden Ringe spielend schaukelte, und
den Wolf an einer zarten goldenen Feder am Kopfe für seinen
Herrn erkannte. Ein Korb mit Mandeln verriet Wölfen sein Geschäft.
Mittags brachte der Zwerg das Mahl, und auch die verschleierte Dame
kam. Sie und Wolf nahmen Platz, die Dame sah sich mit Wolf allein,
schlug ihren Schleier seufzend zurück und Wolf erblickte Edeltruden.
Jener erschrak und sein Erschrecken löste sich in tiefe
Betrübnis auf. Edeltrude seufzte blos und schien durch ihren
Blick in ihrem vormaligen Geliebten den plötzlich verlorenen
Mut zu wecken. Sie ging bald wieder und ließ den Edelknappen
in düsterer Schwermut zurück. Nur durch lautes, unverständliches
Geschwätz konnte ihn der Papagei an seine Geschäfte, die
Mandeln zu enthüllen, erinnern. Immer vertrauter wurden die
Liebenden. Wolf erzählte von seinen Leiden, seiner Verzweiflung,
und die Art, wie er hierher gekommen. Sie hingegen, wie sie wider
ihren Willen von ihrem verblendeten Vater einem Zauberer, den sie
nimmer werde lieben können, zum Weibe gegeben worden sei. Unter
solchen Mitteilungen verstrich die Woche, der Samstag kam wieder
heran und Rübezahl erschien wieder in seiner früheren
Gestalt, ohne dass er das vertrauliche Verhältnis Wolfs mit
Edeltruden bemerkt zu haben schien. Auch war dies an den folgenden
Samstagen der Fall.
Schlimmer mit Wolf ging es später späterhin. Immer mehr
wusste Edeltrud den Jüngling wider Rübezahl einzunehmen.
Am ärgsten aber stand es mit Wolf in den letzten Wochen des
zweiten Mondes. Edeltrud hatte ihm alle Geheimnisse des Schlosses
anvertraut, alle die unermesslichen Schätze des Schlosses gezeigt
und scheinbare Zufälligkeiten gaben ihr Gelegenheit, mit allen
ihren Reizen auf das empfängliche Herz noch mehr aber auf die
Sinne des Jünglings zu wirken, dass sie seiner gewiß
zu sein glaubte. Sie bat ihn nun in den rührendsten Ausdrücken,
sie aus der Hand des gespenstigen Gemahls zu retten, sich in den
Besitz der ungeheuren Schätze zu setzen, sich selbst zum Herrn
der Berggeister zu machen, wofür Wolf durch Macht, Reichtum
und Liebe gelohnt werden sollte. Dies alles, fuhr sie fort, ist
in einem Augenblick geschehen, reiße deinem Sittich das goldene
Federlein vom Haupte, und von diesem Augenblicke an hast du nicht
nur die Macht und den Reichtum Rübezahls, sondern auch meine
Liebe erworben.
Wolf schauderte vor diesem Abgrund der Undankbarkeit zurück.
Eine ganze Woche lang blickte er Edeltruden nicht an, und wartete
desto fleißiger des Papageis. Gleichwohl begann er wieder
zu wanken. Immer schöner bedünkte ihm Edeltrude, welche
mit der ganzen Macht ihrer Reize auf ihn wirkte. Mehr als einmal
war er im Begriff, in ihr geöffneten Arme zu sinken. Doch jedes
mal retteten ihn das Gefühl des Unrechts, ein beruhigtes Gewissen
von der Gefahr.
Unter solchem schweren Kampfe der Pflicht mit Liebe, schlich langsam
der vorletzte Abend des dritten Mondes seiner Dienstzeit heran.
Es war Freitag. Edeltrud bat dringender als je, noch nie war sie
so reizend, wie diesen Abend, ihre Tränen waren unwiderstehlich,
bis spät in die Nacht flehte Edeltrud ihn an, ihr seine Liebe
durch Entreißung der Feder zu beweisen. Fast außer Stande,
ihren Bitten widerstehen zu können, schon halb gewillt, ihr
Begehren zu erfüllen, sah er sich nach dem Sittich um. Allein
eben bemerkte er, dass die Mitternachtsstunde schon vorüber,
und der schlafende Sittich sich schon in den schlafenden Jüngling
verwandelt habe. Leise winkte Edeltrud, die Lampe in die Hand nehmend,
ihrem bebenden Geliebten an die Bettstelle des Schlafenden. Schon
wollte von Wein und Liebe verleitete Wolf nach der goldenen Feder
greifen, als sein Blick unwillkürlich auf dem Antlitze des
schönen, sorglos schlummernden Geisterjüngling haften
blieb. Laut und wild rief auf einmal Wolf: "Hinweg, kein Teutscher
mag ein solches Vertrauen täuschen! Ich tue dies nimmermehr!"
Rübezahl erwachte, das Licht erlosch, schreiend floh
Edeltrud, und krachend stürzte das Schloß in ein Nichts
zusammen. Es war heller Mondschein, Wolf sah sich auf einem öden,
schneebedeckten Berggipfel, von dem sich rechts und links der Blick
in weite Ebenen verlor. Nirgends war eine Spur von einem Schlosse
zu sehen, dennoch sah Wolf den schwarzen Ritter vor sich stehen.
"Du hast, sprach nun dieser, als Mensch gewankt, doch tapfer
mit der Versuchung gekämpft und schon am Rande der Unendlichkeit
zog dich dein edles Herz zu deiner Pflicht zurück. Tröste
dich: Edeltrudens Bild war bloße Täuschung, auch sie
denkt edler. Was du dir durch Verrat nicht erweben wolltest, nehme
nun zum Lohne von mir." Er gab ihm die goldene Feder. Sie sichert
Dir Macht, Ehre und Glück, fuhr Rübezahl fort, bist du
im Zweifel, wohin du dich wenden sollst, so frage sie und folge
jener Richtung, in der sie sich beugen wird. Nun hüllte Rübezahl
den betäubten in seinen Mantel, und die Morgensonne erweckte
unsern müden Edelknappen in der Trautenauer Herberge.
Ein Traum erschien ihm alles; auch mochte es nichts Anderes gewesen
sein. Niemand wusste von einem schwarzen Ritter etwas, und Wolfs
seltsame Fragen machten den Wirt um den Verstand seines Gastes besorgt,
der endlich nach und nach einsah, dass er in einer einzigen Nacht
drei Monate geträumt habe. Unwillig schied er von dem spöttelnden
Wirte. Kaum war er im Freien, als er zufällig seine Feldbinde
ordnete, aus welcher er die goldene Feder fallen sah. Hastig griff
er nach derselben, sah sie halb zweifelnd, halb fragend an, und
nach Südwesten, gegen Prag, schwankte deutlich die Feder. Rasch
und mutig machte er sich dahin auf den Weg.
Glücklich langte er in der Hauptstadt Böhmens an, und
mühsam fand sich der Teutschredende zur teutschen Herberge,
wo er viele Fremde seiner Nation traf. "Seid mir als Teutscher
willkommen," rief der geschwätzige Gastwirt dem eintretenden
entgegen, und wenn ihr zierlich schreiben und lesen könnt,
auch unserer Herzogin willkommen! Wolf staunte ob dieser sonderbaren
Begrüßung, und forderte Erklärung. Der Wirt gab
sie ihm. Des Herzogs Bretislav Gemahlin, die durch ihre Schönheit
und ihre Entführungsgeschichte bekannte Judith von Schweinfurt,
hatte ihren teutschen Kanzler Werner, durch den Tod verloren und
wünschte ihn nun baldmöglichst ersetzt zu wissen, welches
durch Ausrufer kund gemacht worden war. Wolf gestand dem Wirte,
er könne schreiben und lesen, musste aber den Zweifelnden dadurch
zu überzeugen, dass er sein Schreibzeug das er stets bei sich
führte hervorsuchte und auf einen Pergamentstreifen einige
Worte hinschrieb. Der Wirt, der nie einen Ritter, viel weniger
einen Edelknappen so gelehrt gesehen hatte, bemächtigte sich
mit Heftigkeit des Streifens, lief damit hinweg, und kam bald mit
einem Kämmerling der Herzogin zurück. Doch was der vielen
Worte! Wolf ward Kanzler der Herzogin Judith und traf unter
ihren Frauen die wirkliche, schönere, noch unvermählte
Edeltrud. Ihr Vater hatte, um die Liebenden zu trennen und einen
ahnsehnlichen Eidam zu erwerben, seine Tochter an den Hof der Herzogin
gesendet, die eine Verwandte seiner Gattin war. Noch liebte Edeltrud
ihren Wolf, und dieser segnete sein Schicksal, das ihn in ihre Nähe
führte. Herzog Bretislaw starb nicht lange nachher (1055) und
sein Sohn Spitignew folgte uhm in der Regierung. Verschiedene Umstände,
besonders aber die Einflüsterungen der böhmischen Großen,
hatten schon lange im Herzen dieses Prinzen gegen alles Teutsche
einen glühenden Haß erzeugt, der nun bei seinem Regierungsantritt
ausbrach, denn sein erster Befehl bestand darin, dass alle Teutschen,
selbst seine eigene Mutter nicht ausgenommen, Böhmen
augenblicklich verlassen sollten.
Alles floh in der größten Bestürzung. Große
Pilgerzüge eilten in ihr Vaterland zurück, die Herzogin
Judith floh einsam nach Ungarn, und jene Teutsche, die in Deutschland
kein Glück erwarteten, zogen sich in die schlesischen Grenzgebirge
zurück. Edeltrud hatte sich an Wolf angeschlossen, und dem
Rathe seiner Feder folgend, wandte er sich gleichfalls ins Riesengebirge.
Die Herberge zu Trautenau fand er voll teutscher Flüchtlinge,
und mitten unter ihnen den schwarzen Ritter. Dankend gesellte
er sich zu diesem, und empfing neuen Rat und neue Hilfe.
Auf des Berggeistes anraten, mit seiner Beihilfe, nahm er die trostlosen
Flüchtlinge allzumal in seine Dienste, ließ sich mit
ihnen etwas tiefer im Gebirge nieder, und gründete die Burg
Silberstein oder Brekstein für sich und das Städtchen
Pilnikau für sie. Die goldene Feder entdeckte ihm die edlen
Gebirgsgänge, und gab Veranlassung zu einem Bergwerke, das
ihm ungeheure Reichtümer ja selbst des Herzogs Gunst erwarb.
Durch Edeltruden, die seine Gattin geworden war, wurde er Urahnherr
eines berühmten Geschlechtes, das sich in den ersten Zeiten
Silveri de Pilingivilla späterhin aber Zylwar oder Silber von
Silberstein nannte, und in den letzten Decennien des siebzehnten
Jahrhunderts ausstarb. Die goldene Feder soll zur Zeit des Winterkönigs
Friedrich, weil der damalige Burgherr von Silberstein ungläubig
über den Berggeist gespöttelt, alle Wunderkraft verloren
haben, und per varios rasus das Eigentum eines Prager Juden geworden
sein. So viel ist gewiß, dass sei jener Zeit die Böhmischen
Bergwerke merklich ab die Prager Juden hingegen merklich
zugenommen haben. So viel die Sage.
Kehren wir nun zur Geschichte zurück, so finden wir in den
ältesten Memorabilienbuche der Pfarre zu Wildschütz aufbewahrten
Nachrichten die aber leider auch keinen historischen Grund
haben dass Silberstein von einem gewissen Wolf Ullstädt
von Aachen, einem Teutschen von Geburt, zur Zeit Herzogs von Spitignews,
um das Jahr 1056 angelegt und aufgebaut worden sein soll. Dieser
Ritter gab der neuerstandenen Veste Anfangs den Namen Breckstein
oder Berkstein, da er aber später, unter Herzog Wratislaw die
Stelle eines Schatz- oder Münzmeisters bekleidete, deshalb
von seinen Zeitgenossen gewöhnlich "Silberstein "
geheißen wurde, nahm nach und nach das Schloß ebenfalls
den Namen Silberstein an, den es auch in der Folge bis auf unsere
Zeiten fortbehielt.
Auf dieser Angabe mag sich wahrscheinlich obige Sage gründen,
da auch hier dieser Wolf als Ahnherr der Silbersteine die
bis zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts als Eigner dieser Gegend
vorkommen angegeben wird. Jedoch ist dieses Alles, wie schon
gesagt, nicht diplomatisch erwiesen, und unterliegt deshalb manchem
gerechten Zweifel. Das Wenige, was wir über Silbersteins
Besitzer wissen und als gewiß annehmen können ist ungefähr
Folgendes:
Zur Zeit, als der Hussitenkrieg mit all seinen Schrecknissen das
Land durchzog, besaß Silberstein samt dessen Gebiet Hans von
Silberstein, der sich als warmer Patriot an seine gemäßigten
Landsleute anschloß, und 1438 die Würde eines königlichen
Unterkämmerers bekleidete. Wann er starb ist unbekannt, ebenso
auch seine nächsten Nachkommen und Erben der Stammburg.
Sechzig Jahre später finden wir den Adam Zylwar von Silberstein
als Herrn auf Silberstein, Pilnikau und Wildschütz. Dieser
gehörte unter die reichern Dynasten dieser Gegend, denn er
besaß im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts, außer
den angeführten Gütern, auch die Stadt Trautenau pfandweise.
Daß er in Gunst und Ansehen bei König Wladislaw den 2.
gestanden, beweiset dies, dass er auf seine Verwendung das Dorf
Pilnikau (1513) zu dem Range eines Städtchens erhoben und diesem
zum Wappen ein halber schwarzer Adler im weißen Felde, sowie
das Privilegium auf Wochenmärkte und einen achttägigen
Jahrmarkt, nebst dem Recht Zünfte zu halten, verliehen wurde.
Später verlor er Trautenau, da ihm die Königin Anna (Gemahlin
Kaiser Ferdinands dem l.) den auf dieser Stadt haftenden Pfandschilling
von 447 Prager Groschen zurückzahlte und somit die Verpfändung
an sich brachte, wem er aber seine übrigen Besitzungen
hiterließ, blieb unbekannt. Wahrscheinlich wurde nach seinem
Tode der Nachlaß in zwei Teile geteilt. 1569 finden wir Pilnikau
in Händen Christophs Zylwar von Silberstein, der in diesem
Jahre dem Landtage beiwohnte. Diesem folgte 1572 Johann Zylwar von
Silberstein, als Herr auf Pilnikau und Podor. Wildschütz
und Silberstein hingegen gehörten um diese Zeit dem Christoph
Sylwar von Silberstein, der auch später das Gut Smidar an sich
brachte, und durch dessen Verwendung das Dorf Smidar (1570) zum
Marktflecken erhoben wurde. In seinem Testament vom Jahre 1579,
vermachte er seiner Witwe Sabina Zylwar, geborene Wrezowic, den
lebenslänglichen Genuß der Güter Wildschütz
und Smidar, das Eigentumsrecht derselben aber seinen Töchtern
Beatrix und Katharina, welche sich darein so teilten, dass die erstere
Wildschütz mit Silberstein, die letztere (Gemahlin Georg Logs
von Altendorf) Smidar erhielt. Katharina starb und beerbte ihre
Schwester, die sodann beide Güter, Smidar und Wildschütz
(mit welchem letzter Silberstein schon lange vor dem vereinigt war),
durch Testament vom Jahre 1608, ihrem Vetter Johann Zylwar von Silberstein
hinterließ, der auch der letzte aus diesem Stamme war, so
Silberstein besaß, denn er verkaufte es bald nachher an Adam
Schwarz, welcher aber an der später (1618) ausgebrochenen allgemeinen
Empörung wider K. Ferdinand den 2. Teil nahm und deshalb nach
der Weißenberger Schlacht seine Güter verlor. Silberstein,
Tremessno und Wildschütz wurden am 21. Januar 1623 von dem
k. Fiskus an Albrecht von Waldstein um 104.953 fl. 9 kr. verkauft
und mit dessen übrigen Besitzungen vereinigt.
Damals lag aber schon die Feste Silberstein in Trümmern, denn
in den ersten Unruhen (1619) des für Böhmen so unglücklichen
Krieges soll sie ein Opfer des Parteigeistes zerstört
und nie mehr aufgebaut worden sein. Nichts blieb von ihr, als ein
am Fuße des Schlossberges angelegter Meierhof, und auch dieser
überlebte die Burg nicht lange. Adam Fürst zu Schwarzenberg
(der später die Herrschaft Wildschütz an sich brachte
) ließ ihn im Jahre 1682 kassieren und aus dessen Bestandteilen
das noch jetzt noch bestehende Dominikal-Dörfchen anlegen,
dessen Ansiedler wahrscheinlich ihr nötigstes Baumaterial der
Ruine abnahmen und so ihren Verfall beschleunigten. Der Stammburg
folgte nur zu bald das alte Geschlecht der Silbersteine selbst nach.
Denn als Johann Zylwar von Silberstein die Partei der missvergnügten
Landesbarone ergriff, und deshalb nach Eroberung Böhmens durch
K. Ferdinand den 2. seine Güter Smidar, Domaslawic und Schurz
an den k. Fiskus abtreten musste, sank das Ansehen dieser Familie
gänzlich, und der letzte Sprosse derselben verdorrte 1672 in
Dürftigkeit und Not.
Als im Jahre 1789 weiland seine Majestät Kaiser Josef der 2.
diese Herrschaft vom Fürsten Johann Prokop von Schwarzenberg
durch Tausch übernahm, verkaufte er selbe ein Jahr später
an Herrn Johann Franz Theer, welcher wegen seiner Verdienste um
die Industrie dieser Gegend in den Freiherrnstand erhoben wurde,
und mit welchem der alte Familienname Silberstein welchen
er als Prädikat erhielt wieder auflebte.
Nur zu bald empfand die, zu der Zeit beinahe ganz verfallene Burgruine
die Wohltat dies neuen Besitzers. Den alten Stammsitz der
Silbersteine seiner nunmehrigen Namensverwandten ehrend,
ließ er das alte Gemäuer von Schutt und Gestrüpp
reinigen, Sandwege herum anlegen, eine steinerne Stiege zu dem Wartgebäude
herstellen, und endlich auf diesem (1794) das obbesprochene schöne
Gloriett errichten. Als dieses alles fertig war, wurde der in das
Gemäuer führende Eingang durch eine Türe um
mutwilligen Beschädigungen vorzubeugen verschlossen,
der Schlüssel und die Aufsicht über das Ganze aber dem
hier angestellten Waldheger übergeben. Dies erhielt
uns die Burgtrümmer und rettete sie vor gänzlichem Verschwinden!
Wenig und unbedeutend ist zwar das, was man hier noch sieht, aber
auch für dieses Wenige dankt der Altertumsfreund dem edlen
Pfleger. Klagend entschlüpft dem Beobachter der
gewiss vielseitig gefühlte Wunsch: "Mögen
doch alle Ruinen Böhmens solche Beschützer finden !!!"

Quellen:
Franz A. Heber: Böhmens Burgen, Vesten und Bergschlösser
(7 Bände, Prag, 1844-1849), in der Staatsbibliothek München
unter der Signatur Res/Austr. 5461 b-1.
Außer dem Taschenbuche für vaterländische Geschichte
von Homayr und Mednyansky (wo sich die angeführte Sage abgedruckt
befindet) habe ich hier in historischer Hinsicht bloß J. G.
Sommers und J. Schallers Topographie Böhmens, nebst Bienenbergs
Altertümern benützt. Eigene, an Ort und Stelle gemachte
Bemerkungen, lieferten die Schilderungen des Lokals.
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